Denn hier, in der sozialen Sphäre, dürften überhaupt die Urelemente des Ästhetischen liegen. Einseitige Zweckerfüllung führt zur Anarchie. Dort, wo der Bau als Teil eines Ganzen empfunden wird, tritt zu dem Werkzeugcharakter der Spielzeugcharakter, zum relativen Element das absolute.

Nicht handelt es sich bei dem Begriff "Form" um Zutat, Schmuck, Geschmack oder Stil: Gotik bis Biedermeier, sondern um die Konsequenzen, die sich aus der Eigenschaft des Baues, ein Gebilde von Dauer zu sein, ergeben. Spitzt nämlich der Funktionalist den Zweck am liebsten zum Einmalig-Augenblicklichen zu – für jede Funktion ein Haus! -, so nimmt ihn der Rationalist breit und allgemein als Bereitschaft für viele Fälle, eben weil er an die Dauer des Hauses denkt, das mehrere Generationen mit vielleicht wechselnden Ansprüchen sieht und deshalb nicht leben kann ohne – Spielraum. Der Rationalist ist nicht gleichgültiger gegenüber dem Zweck als der Funktionalist, steht nicht auf seiten zweckverachtender Barockgenies, aber er meidet die Tyrannei des selbstherrlich gewordenen Zweckes. Sucht der Funktionalist die größtmögliche Anpassung an den möglichst spezialisierten Zweck, so der Rationalist die beste Entsprechung für viele Fälle. Jener will für den besonderen Fall das absolut passende, Einmalige – dieser für den allgemeinen Bedarf das möglichst gut passende, die Norm. Jener ist nur Anpassung, Relation, Gestaltlosigkeit aus Selbstlosigkeit, Mimikry, dieser auch eigene Wille, Selbstbesinnung, Spiel, Form" (S.59).

Schließlich schimmert auch hier Alberti und seine Betrachtung der Fassade als Mitteilungsfläche zwischen privat und öffentlich, zwischen Individuum und Kollektiv durch, wenn Adolf Behne formuliert: "Kehren wir zum Bau zurück, so dürfen wir sagen, seine konkrete Gestalt ist das Kompromiss zwischen Individuum (Funktion) und Gesellschaft (Form)" (S.66).

 

ÜBERSICHT: Das Haus und die Stadt

Kulturforum/Berlin